Das vom SNF geförderte Projekt ‹Gattungen des Sakralen und ihre Transformation in der Moderne› (2021–2027) untersucht die vielfältigen Aneignungen der vormodern-geistlichen Literatur im Zeitalter nach der aufklärerischen Religionskritik, d. h. zwischen dem mittleren 18. und dem frühen 21. Jahrhundert. Wie geht eine Moderne, die sich selbst als säkular definiert, mit der christlich-geistlichen Kunst und Literatur des Mittelalters und der Renaissance um? Wie baut sie die generische Poetik des Sakralen um, die das Heiligendrama, die Legende und die geistliche Lyrik seit dem Mittelalter bereitstellen? Welche Figuren und Figurenkonzepte, welche Schreibweisen und ästhetischen Effektkalküle übernimmt sie, welche verwirft sie? Das Projekt adressiert diese Leitfrage in vier Teilstudien – zum Heiligendrama um 1800 (Tieck, Schiller, Zacharias Werner, Achim von Arnim), zur geistlichen Lyrik von Novalis bis Bertolt Brecht, zum avantgardistischen Kult um den Heiligen Franziskus (unter anderem bei Emmy Hennings, Klabund und Rainer Maria Rilke) sowie zu feministischen Rewritings der Eva- und Madonna-Figur in der Gegenwartsliteratur. Flankiert werden die Teilprojekte von gemeinsamen Workshops und Konferenzen sowie von transversalen Publikationen.
Zu den konstitutiven Selbstbeschreibungen der Moderne gehört es, dass sie sich selbst als rationalisiert, komplex und ausdifferenziert versteht, den modernen Menschen als in sich zerrissen, sinnzweifelnd und -suchend, als ‹transzendental obdachlos›. Dem gegenüber stellt sich die christliche Literatur und Malerei der Vor-Moderne in vieler Hinsicht als ‹andersartig› dar: als schematisch, generisch, ‹primitiv›, aber eben auch als glaubensfest und einfältig, ja als eine Kunst, die den Erbauungswünschen des frommen Volks direkt entspringt und daher gerade nicht gelehrt ist, sondern lebensnah. Aus dieser Konstellation, die erstmals um 1800 in den geschichtsphilosophisch-kulturkritischen Entwürfen von ‹Moderne› formuliert wird, entsteht eine vielfältig anschlussfähige Alteritätsmatrix: Indem sie sich auf die geistlichen Gattungen älterer Epochen bezieht, entfaltet die Literatur der Moderne mit poetischen Mitteln eine Ästhetik des ‹Anderen› – sei es des Alten und Überwundenen, sei es des Ersehnten und Wiederzugewinnenden, sei es aber auch des gänzlich Unverfügbaren und notwendig Verlorenen.
Diese produktive Alterisierung vormoderner Kunst und Literatur kann im 19., 20. und 21. Jahrhundert ganz verschiedene Gestalten annehmen und Funktionen gewinnen. Während die einen versuchen, die ‹vormoderne› Literatur wiederzuerwecken, ältere Texte also zu sammeln, neu zu edieren oder zeitgemässe Aneignungen zu verfassen, stellen andere gerade ihre Distanz aus, neigen zu ironischen Selbstkommentaren und lenken den Blick auf die brüchigen Konstruktionen des Sakralen selbst. Eine weitere Gruppe schreibt die geistliche Literatur um, parodiert und profaniert sie, um die christliche Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft zu kritisieren oder gegen misogyne Konstruktionen und Familienbilder zu intervenieren.
William Straube: Auferstehung Christi. Nach dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald
Schon die Heiligenerzählungen um 1900 öffnen sich für die Ausgestoßenen der bürgerlichen Gesellschaft. So firmieren Alkoholiker, Obdachlose, Prostituierte, Mörder, Perverse, Wahnsinnige als neue ‹Heilige›, und nicht ihr erfolgreicher Lebensweg interessiert die Literatur, sondern die Diskontinuitäten ihrer Erfahrungen, ihre verzerrte Weltwahrnehmung, ihre Machtlosigkeit und ihre unheilbaren Leiden. Randständige Existenzen können auf diese Weise als alteritär markiert, zugleich aber als unabänderlich, ja gottgegeben vorgestellt werden, weil sie durch die Geschichte hindurch immer schon vorgeprägt sind. Mit der Konstanz vertrauter Formen legitimiert man so das verborgene Andere.
Wieder andere entdecken das Korpus der geistlichen Literatur als Reservoir für eine neue Ethik, die sich nicht mehr im institutionellen Sinne als religiös versteht und doch an die Ethik des Christentums anschliesst. So verkündet der Heilige Franziskus im frühen 20. Jahrhundert die Sehnsucht nach Weltfrieden und Einigkeit. Auch die Schöpfung selbst gilt nun als sakral, und die Heiligen, welche die Bühnen des Gegenwartstheaters betreten, reißen alle Grenzen zwischen Mensch, Tieren und Pflanzen ein. Die Heiligen werden zu Subversionsfiguren der rationalistisch-technizistischen Moderne.
In seinen verschiedenen Teilstudien versucht das Projekt, den mehrsträngigen und widersprüchlichen Aneignungen geistlicher Gattungen seit der Zeit um 1800 gerecht zu werden. Auch wenn die Frage nach den kulturellen Funktionen von generischen Sakralitätszuschreibungen ihren theoretischen Rahmen bildet, gehen die einzelnen Teilprojekte im engeren Sinne literaturwissenschaftlich, mithin textnah vor. Weitere Informationen zu den Einzelarbeiten zum Heiligendrama um 1800, zur geistliche Lyrik des ‹langen› 19. Jahrhunderts , zur Franziskuslegende der Klassischen Moderne sowie zu Madonnen- und Evafiguren im 21. Jahrhundert finden Sie auf der Seite ‹Teilprojekte›.